Das Wahlrecht ist gleichheitswidrig und widerspricht dem Demokratieprinzip

Eintrag von am 1 January 2012 | 0 Kommentare

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In § 39 Abs. 3 Gemeindewahlordnung Graz 2012  ist die Zulässigkeitsvoraussetzung normiert, durch die eine Wahlwerbende Gruppe bei der Gemeinderatswahl in Graz kandidieren darf. Im ersten Satz des belangten Gesetzes steht, dass ein Wahlvorschlag von mindestens einem Mitglied des Gemeinderates unterschrieben werden muss, oder von mindestens 200 Wahlberechtigten mittels Unterschrift unterstützt werden muss, um gültig zu sein.

Dieses Gesetz bedeutet eine wesentliche Beeinträchtigung der Demokratie. Dieses Gesetz behindert Menschen, wie den Beschwerdeführer, die sich am politischen Prozess der Gemeinde beteiligen wollen. Dieses Gesetz stützt die etablierten politischen Kräfte und hilft ihnen an der Macht zu bleiben.

Es behindert neue politische Entwicklungen. Es blockiert damit auch neue gute Ideen.

Wesen einer Demokratie ist, dass sich Menschen an politischen Prozessen beteiligen können, ohne in einer etablierten Organisation (Partei) Mitglied sein zu müssen. Eine Demokratie, in der demokratisches Leben gesetzlich eingeschränkt und behindert wird ist eine Scheindemokratie und auf Kurz oder Lang zum Scheitern verurteilt.

200 unterschriebene Unterstützungserklärungen (mit Name, Anschrift und Geburtsdatum des Unterstützers) sammeln zu müssen, um kandidieren zu dürfen ist demokratieverhindernd. Es gibt auch keine sicherheitsrechtliche oder sonstige Notwendigkeit dafür. Statt der 200 Unterstützungserklärungen ist laut Gesetz eben auch eine einzige Unterschrift eines Gemeinderatsabgeordneten ausreichend.

Das  bedeutet, dass die Unterschrift eines Gemeinderatsabgeordneten 200 Mal so wertvoll ist wie die eines Nichtgemeinderates. Es ist nicht mit der Verfassung in Einklang zu bringen, dass ein Gemeinderatsabgeordneter privilegiert gegenüber Normalbürgern ist.

Ein Gemeinderatsabgeordneter darf seine Unterschrift für Gemeinderatsangelegenheiten verwenden. Ein Wahlvorschlag ist aber gerade keine Gemeinderatssache, sondern ein Wahlvorschlag ist Teil des Versuches bei Gemeinderatssachen mitbestimmen zu können. Eine Wahlwerbende Gruppe ist eine Erscheinung des Privatrechtes und keine öffentliche Erscheinung. Ein Gemeinderatsabgeordneter hat kein Mandat, um einer privatrechtlichen Erscheinung (Wahlwerbende Gruppe)  zur Gemeinderatskandidatur zu verhelfen. Das Argument, dass ein Gemeinderat eine Vielzahl von Wählern repräsentiert fällt für die Unterschrift um eine Gruppe kandidieren zu lassen ins Wasser, da diese Unterschrift keine Sache des Gemeinderates ist, sondern privatrechtlicher Natur ist.

Dass die Unterschrift eines Gemeinderatsabgeordneten für die Berechtigung einer Wahlwerbenden Gruppe bei  Gemeinderatswahlen antreten zu dürfen 200 Mal wertvoller ist als die eines Normalbürgers, ist nicht mit dem „Grundsatz des Gleichen Wahlrechtes“ vereinbar. Es handelt sich bei dieser Unterschrift natürlich nicht um eine Wahl im direkten Sinn. Es handelt sich aber sehr wohl um eine Stimmabgabe, die untrennbar mit der späteren Wahl zusammenhängt.

Beispielgebend ist folgende Situation:

Die Wahlwerbende Gruppe „WIR Wähler- WIR packen es an- WIR wollen unser Recht“ kurz „WIR“ mit der der Beschwerdeführer zur Grazer Gemeinderatswahl antritt muss 200 unterschriebene Unterstützungserklärungen sammeln oder eine Unterschrift eines Gemeinderatsabgeordneten bekommen um kandidieren zu dürfen. Diese Gruppe lehnt die Politik der Gemeinderatsabgeordneten die im Amt sind ab und möchte sich nicht durch eine derartige Unterschrift die Wahlvoraussetzung herbeiholen. Also muss viel Zeit und Kraft aufgewendet werden um 200 Unterstützungserklärungen zu bekommen, sollte das bekämpfte Gesetz nicht als Verfassungswidrig erkannt werden.

Gegenteilig dazu hat die Wahlwerbende Gruppe „Bündnis Zukunft Österreich“ die Voraussetzung zur Kandidatur durch die Unterschrift eines einzigen Gemeinderatsabgeordneten (der mit dieser Liste kandidiert) herbeigeholt. Desgleichen die anderen im Gemeinderat vertretenen Parteien.

Abschließend ist auszuführen, dass es weder notwendig, noch angemessen noch sinnvoll ist das passive Wahlrecht derartig einzuschränken. Dieses Gesetz ist nicht im öffentlichen Interesse. Das Ziel dieses Gesetzes ist nicht auszumachen. Sollte dieses Gesetz ein Ziel haben, ist dieses Ziel offenbar Demokratieeinschränkung und damit als Ziel nicht legitim.

b)

Der § 39 Abs. 3 der Gemeindewahlordnung Graz 2012 widerspricht dem Gleichheitssatz und dem Demokratieprinzip nicht nur wegen der Ungleichbehandlung von 200 wahlberechtigten Bürgern und einem einzigen Gemeinderatsabgeordneten, sondern schon wegen der Antrittshürde (200 Unterstützungserklärungen oder eine Unterschrift eines Gemeinderatsabgeordneten) überhaupt.

Es gibt keine sachliche Rechtfertigung für diese Antrittshürde. Sie stellt eine Schwächung der Demokratie dar. Dass sich eine Wahlwerbende Gruppe die Antrittsvoraussetzung erst erkämpfen muss, bedeutet einen massiven Zeitaufwand für diese Gruppe. In der Zeit in der die Unterstützungserklärungen gesammelt werden müssen, könnte die Wahlwerbende Gruppe Wahlwerbung machen. Menschen müssen arbeiten um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dass man 200 Unterstützungserklärungen sammeln muss bedeutet, dass man weniger Zeit hat um seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten. Damit kann man auch weniger Geld für seinen Wahlkampf herbeischaffen.

Diese Antrittsvoraussetzung ist nicht notwendig, da eine wahre Flut von Wahlwerbenden Gruppen dennoch nicht zu erwarten ist, da die Österreicher ohnehin immer weniger Hoffnungen an die Demokratie richten.

Diese Antrittsvoraussetzung stärkt diese gefährliche Einstellung zusätzlich.

c)

In § 11Gemeindewahlordnung Graz 2012 ist normiert, dass wahlwerbende Gruppen Vertrauenspersonen in die Stadtwahlbehörde und in die Berufungskommission entsenden dürfen.

In § 10 Abs.1 Gemeindewahlordnung Graz 2012 ist normiert bis wann diese Vertrauenspersonen dem Wahlamt genannt werden müssen, nämlich bis zum 10. Tag nach dem Wahlstichtag.

Der Wahlstichtag für die Grazer Gemeinderatswahl 2012 war der 14. September 2012.

Gem. §10 Abs. 1 mussten also die Vertrauenspersonen der wahlwerbenden Gruppen bis zum 24. September 2012 dem Wahlamt genannt werden.

Eine wahlwerbende Gruppe darf nach der Wahlordnung Graz 2012 bis zum 19. Oktober 2012 ihren Wahlvorschlag (Antrag um kandidieren zu dürfen) einbringen.

Man hat also bis 19. Oktober Zeit zu entscheiden, ob man bei der Wahl kandidieren will und wird.

Wenn eine Gruppe sich nach dem 24. September entscheidet, als wahlwebende Gruppe zu kandidieren, darf sie gem. § 10 Abs. 1 Wahlordnung Graz 2012 keine Vertrauenspersonen mehr in die Stadtwahlbehörde und in die Berufungskommission entsenden.

Es stellt sich die Frage, wie man bis zum 24. September Vertrauenspersonen in die genannten Behörden entsenden soll, wenn man bis dahin noch nicht weiß, ob man kandidieren wird und will. Wie schon ausgeführt hat man für diese Entscheidung (ob man kandidieren will und wird) aber bis zum 19. Oktober Zeit.

Diese Regelung widerspricht dem Gleichheitssatz und dem allgemeinen Sachlichkeitsgebot, welches sich aus dem Gleichheitssatz ergibt.

Man darf den Wahlvorschlag (Wahlantrag) bis zum 19. Oktober einbringen. Dann muss es auch möglich sein die Vertrauenspersonen erst bis zu diesem Tag einzubringen. Diese Regel besagt, dass man ab dem Stichtag 10 Tage Zeit hat die Vertrauenspersonen zu nennen. Das bedeutet, dass man innerhalb dieser 10 Tage die Unterstützungserklärungen beisammen haben muss um seriös Vertrauenspersonen zu entsenden. Hätte man nicht innerhalb von diesen 10 Tagen  die Unterstützungserklärungen, könnte man nicht seriös die Vertrauenspersonen nennen, da man dann noch nicht wissen kann, ob man kandidiert. Feststeht, dass man bis zum 19.Oktober noch nicht einmal wissen muss, ob man überhaupt kandidieren will.

d)

Inhaltsgemäß aus § 46 Abs. 4 iVm. Abs. 3 Gemeindewahlordnung Graz 2012 ergibt sich, dass Wahlwerbende Gruppen, die im Landtag vertreten sind bei der Reihung der Listenplätze bevorzugt werden weil sie vorgereiht werden. Wenn also eine Wahlwerbende Gruppe, die nicht im Steirischen Landtag vertreten ist ihren Wahlvorschlag vor einer Gruppe einbringt, die schon im Landtag vertreten ist, wird die früher einbringende Gruppe dennoch auf einem Listenplatz hinter der später einreichenden Gruppe gereiht.

Bsp:  Gruppe „WIR“ reicht Wahlvorschlag am 29. September ein,   Gruppe „SPÖ“ reicht später ein und bekommt dennoch einen Listenplatz vor der Gruppe „WIR“.

Diese Vorgehensweise bevorzugt Gruppen die im Steirischen Landtag sind, da eine Liste die vorher erscheint eher vom Wähler wahrgenommen wir als eine später gereihte Gruppe. Wähler die bis zur Wahl ihre Wahlentscheidung nicht getroffen haben, werden eher eine Liste die weiter vorne ist ankreuzen, da sie eventuell nicht alle Listen bis zum Ende durchlesen. 

Der Vorrang für Gruppen die im Landtag vertreten sind ist sachlich nicht zu rechtfertigen. Der Vorrang wäre  maximal für Gruppen, die im Grazer Gemeinderat vertreten sind  zu rechtfertigen. Gemeinden sind eigene Gebietskörperschaften. Was hat die Grazer Gemeinderatswahl mit dem Steirischen Landtag zu tun?

Diese Regelung bedeutet, dass eine Gruppe die nur durch den Wahlkreis Feldbach oder Liezen in den Steirischen Landtag gewählt wurde und jetzt Grazer unter demselben Gruppennamen bei der Grazer Gemeinderatswahl antreten, bei der Listenplatzvergabe gegenüber einer Gruppe die nur im Grazer Gemeinderat vertreten ist bevorzugt wird. Es gibt keine sachliche Rechtfertigung, die Listenreihung nicht durch das Los entscheiden zu lassen, umso mehr als das Los in dieser Wahlordnung ohnedies als Entscheidungsinstrument an anderer Stelle bestimmt ist. 

Diese Regel ist klassisch gleichheitswidrig, verstößt gegen das allgemeine Sachlichkeitsgebot des Gleichheitssatzes  und sie ist nicht mit dem Demokratieprinzip vereinbar.

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